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Brain Drain - Brain Gain - Brain Exchange
Qualifizierte Migrant_innen
in Deutschland und Polen

pdfBrain Drain - Brain Gain - Brain Exchange Qualifizierte Migrant_innen in Deutschland und Polen

Am 03.03.2016 fand in Warschau eine Konferenz zum Thema qualifizierter Migrant_innen statt. Dazu wurden in gemeinsamer Organisation des Instituts für Öffentliche Angelegenheiten (ISP), der Deutschen Botschaft in Polen sowie der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) deutsche und polnische Expertinnen und Experten nach Warschau eingeladen, die die Thematik aus verschiedenen Perspektiven betrachteten. Bereits die einleitenden Reden von Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, und Stanis³aw Szwed, Staatssekretär im polnischen Ministerium für Familie, Arbeit und Sozialpolitik, verdeutlichten die Bedeutsamkeit der gezielten Auseinandersetzung mit qualifizierter Zuwanderung sowohl aus polnischer als auch aus deutscher Sicht.

Warschau. Im Anschluss an die Begrüßung der Gäste durch die Moderatorin Justyna Sege¹ Frelak (ISP) leiteten nacheinander Jacek Kucharczyk (ISP), Martin Koppernock (Deutsche Botschaft) und Roland Feicht (FES) in die Thematik ein.
Alle drei Redner betonten die positive und umfangreiche Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen, welche sich innerhalb der letzten 25 Jahre stetig weiter entwickelt habe. Für die Zukunft sei eine gezielte Auseinandersetzung mit Migration und Integration richtungsweisend. Eine erfolgreiche Integration von Migrant_innen beziehe sich nicht nur auf den Arbeitsmarkt, sondern auch auf sprachliche und kulturelle Aspekte.
Den Grußworten der Gastgeber folgten zwei Einleitungsreden der Staatssekretäre des polnischen Ministeriums für Familie, Arbeit und Soziales, Stanis³aw Szwed und deutschen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales Thorben Albrecht.

Stanis³aw Szwed sieht in der aktuellen politischen Betrachtung von Zuwanderung eine einseitige Sichtweise und begrüßt daher den Ansatzpunkt der Konferenz, welche eine neue Perspektive ermöglichen könne. Aus polnischer Sicht sei das Thema sowohl in Bezug auf Einwanderung als auch auf Auswanderung aktuell und von besonderer Bedeutung. Er verwies einerseits auf die große Gruppe ukrainischer Einwanderinnen und Einwanderer, welche in den Arbeitsmarkt integriert werden müsste und andererseits auf die Vielzahl qualifizierter Auswandererinnen und Auswanderer. Die Integration von Zuwanderinnen und Zuwanderern sowie Maßnahmen gegen die Auswanderung qualifizierter Arbeitnehmer_innen seien richtungsweisende politische Projekte. Darüber hinaus sei in Polen die Nutzung der Blauen Karte EU noch nicht ausgereift und es bestehe diesbezüglich Nachholbedarf.

Thorben Albrecht unterstrich die Ähnlichkeit der deutschen und der polnischen Situation dahingehend, dass beide Länder, bedingt durch niedrige Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung, stark vom demografischen Wandel betroffen seien. Vor diesem Hintergrund sei für Deutschland die Sicherung von Fachkräften ein zentraler Aspekt politischen Handelns. Um dies zu gewährleisten, müsse man zunächst im eigenen Land ansetzen und die vorhandenen Potenziale besser ausschöpfen. Als konkrete Ansatzpunkte nannte er Investitionen in berufliche Orientierung sowie einen Rechtsanspruch für Frauen, nach der Elternzeit wieder in eine Vollzeitbeschäftigung einsteigen zu können. In Bezug auf qualifizierte Zuwanderinnen und Zuwanderer wolle man den positiven Trend vergangener Jahre weiter fortsetzen. Ein dreijähriges Pilotprojekt sei in Anlehnung an das Punktesystem aus Kanada für Baden-Württemberg geplant. Dabei sollen beispielsweise für verschiedene Ausbildungsniveaus und Sprachkenntnisse Punkte an Bewerber_innen vergeben werden, die sie dann entsprechend für Berufe qualifizieren. Das Projekt werde evaluiert und dann gegebenenfalls auf ganz Deutschland übertragen. Eine Grundvoraussetzung, und da sehe er Deutschland auf einem guten Weg, sei eine gesellschaftliche und kulturelle Offenheit.

Auf die Frage eines Teilnehmers, welche Berufsgruppen in Polen besonders von der Auswanderung betroffen seien, nannte Stanis³aw Szwed Ärzte_innen und Ingenieur_innen. Um diesem Trend entgegenzuwirken, müsse man nach seiner Ansicht ähnlich attraktive Arbeitsbedingungen wie in anderen Ländern schaffen. Er verwies diesbezüglich auf das geplante Innovationsprogramm von Entwicklungsminister Morawiecki. Für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunft Polens sei es elementar, dass die Löhne steigen und Polen den Ruf verliert, nur aufgrund des niedrigen Lohnniveaus ein attraktiver Standort zu sein.
In Deutschland sei laut Thorben Albrecht die Zurückgewinnung deutscher Arbeitskräfte aus dem Ausland kein zentrales Thema, aber man registriere zum Beispiel im universitären Bereich Tendenzen, dass Wissenschaftler bessere Arbeitsumstände in anderen Ländern wahrnehmen würden.

Im Anschluss an die Reden der beiden Staatssekretäre leitete Justyna Sege¹ Frelak zu einer Podiumsdiskussion über, an welcher Vera Egenberger für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB), Uwe Hunger von der Universität Siegen, Robert Lisicki von der Konföderation der polnischen Arbeitgeber Lewiatan sowie Rafa³ Janas von der Europäischen Kommission teilnahmen. Einleitend hielt die Moderatorin fest, dass aktuell circa 30.000 polnische Ärzte_innen im Ausland arbeiten und ein hoher Anteil von qualifizierten Studienabgängern eine Beschäftigung im Ausland anstrebe.
Vera Egenberger nannte in ihrem Beitrag die Langfristigkeit von Maßnahmen sowie gleiche Löhne für gleiche Arbeit als wichtige Weichenstellungen für ein Einwanderungsgesetz in Deutschland. Sie begrüßte ausdrücklich das Pilotprojekt der Bundesregierung in Baden-Württemberg und machte sich im Hinblick auf die gesellschaftliche Betrachtung dafür stark, dass qualifizierte Zuwanderer_innen nicht als Konkurrenz, sondern als Bereicherung gesehen werden sollten.
Uwe Hunger nahm in seinen Ausführungen Bezug zum Veranstaltungstitel und hob Indien als ein Beispiel erfolgreicher Rückgewinnungsmaßnahmen von Fachkräften hervor. Er ergänzte zudem vorherige Beiträge anderer Teilnehmer_innen dadurch, dass er auf den Ärztemangel Deutschlands verwies und betonte, dass es vermehrt Versuche gäbe, Ärzte_innen gezielt im Ausland anzuwerben. Für eine erfolgreiche Anwerbung und Integration ausländischer Fachkräfte sehe auch er eine "Willkommenskultur" als Grundvoraussetzung.
Rafa³ Janas führte aus, dass Polen sich als innovative Wirtschaft profilieren müsse und nicht nur der Ort günstiger Arbeit sein dürfe. Humankapital und ein neues Wettbewerbsmodell würden dafür als Grundsäulen gebraucht. Ferner berichtete er, dass die Europäische Kommission aktuell an Reformen zu den Richtlinien der Blauen EU-Karte arbeite und eine entsprechende Modifizierung im Herbst 2016 vorstellen würde. Diese Veränderungen seien notwendig, da Deutschland das einzige Land in der EU sei, das bisher die Vorgaben von 2009 erfolgreich umgesetzt habe.

Robert Lisicki hielt fest, dass Studien gezeigt hätten, dass es in Polen sowohl in einfacheren Arbeitsbereichen als auch in denjenigen, die eine höhere Qualifizierung erfordern, Mängel gäbe. Insbesondere im Bereich der Hochqualifizierten sehe er Nachholbedarf zur Stärkung der polnischen Wettbewerbsfähigkeit.
Ein großes Interesse an der behandelten Thematik zeigte sich nicht zuletzt durch die Vielzahl an Nachfragen seitens der Teilnehmenden. So bezeichnete Vera Egenberger, auf die verschiedenen Standpunkte in Deutschland angesprochen, die Auseinandersetzung mit Kritikern einer Willkommenskultur als gesellschaftliche Aufgabe. Eine Kompensationszahlung für Länder, die Fachkräfte abgeben, sei in den Augen von Uwe Hunger nicht zielführend, wobei er auf die Erfahrungen in Aserbaidschan verwies und betonte, dass andere Anreize geschaffen werden müssten. Dass die zunehmende Automatisierung von Arbeitsprozessen durch Maschinen den Folgen des demografischen Wandels entgegenwirken könne und somit Zuwanderung unnötig werde, hielten die Podiumsteilnehmer für unwahrscheinlich. So würde es laut Rafa³ Janas lediglich im Bereich niedrig Qualifizierter zu einem Nachfragerückgang kommen. Die Nachfrage nach Hochqualifizierten würde jedoch weiter steigen. Justyna Sege¹ Frelak verglich die Situation in Polen mit der der USA, die sich eher dadurch auszeichne, dass die Zuwanderinnen und Zuwanderer für ihr eigenes Wohl zuständig seien. Sie fragte daher, inwieweit Polen von der Willkommenskultur in Deutschland lernen könnte. Vera Egenberger betonte, dass sich auch Deutschland nach Versäumnissen in der Vergangenheit noch in einem Lernprozess befände, aber die Grundsteine funktionierender Integration unter anderem in der Sprache und einer schnellen Anerkennung von im Ausland erbrachten Leistungen liegen würden. Uwe Hunger ergänzte, dass eine erfolgreiche Einbindung nur dann gelingen könne, wenn man die Zuwanderer_innen als einen langfristigen Bestandteil der Gesellschaft begreife und nicht als eine vorübergehende Erscheinung.

Sich auf die Zukunft beziehend, stellte Rafa³ Janas fest, dass es kein perfektes Modell zum Umgang mit dem demografischen Wandel gebe und die Aufgabe darin bestehe, verschiedene Ansätze zu betrachten und aus diesen die positiven zu einem zufriedenstellenden Gesamtmodell zu integrieren. Zum Abschluss der Veranstaltung griff die Moderatorin noch den Begriff des Brain Waste auf und appellierte, dass das bereits vorhandene Potential genutzt werden müsse und nicht verschwendet werden dürfe.

 

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