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Jenseits der Jubiläen. Erinnerungspolitik im deutsch-polnischen Alltag

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Jenseits der Jubiläen. Erinnerungspolitik im deutsch-polnischen Alltag.

Vom 26. bis 27. April 2016 organisierte die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) einen Expertenworkshop "Jenseits der Jubiläen. Erinnerungspolitik im deutsch-polnischen Alltag." Neben der Diskussion um die bisherige und geplante Geschichtspolitik der deutschen und polnischen Regierungen, thematisierten die Teilnehmer_innen - deutsche und polnische Expert_innen vor allemjüngerer Generation - die unterschiedliche Vermittlung und Wahrnehmung von Geschichte in beiden Ländern.

Warschau. In seiner Einführung skizzierte Klaus Ziemer, Professor an der Universität Trier und der Kardinal-Wyszyñski-Universität sowie langjähriger26 04 2016 Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Warschau, kurz die polnische Geschichtspolitik der letzten Jahren, darunter die Aspekte der Debatte um Jan Tomasz Gross, der Entstehung des Museums des Warschauer Aufstands, der Diskussion um die Verwendung des Ausdrucks "polnische Konzentrationslager" sowie der Kontroversen rund um das in Berlin geplante Zentrum gegen Vertreibungen. Darauf folgend referierte Manuel Becker von der Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn den Umgang mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland bis zum Wendejahr 1990. Die Vergangenheitsbewältigung in der "alten" Bundesrepublik teilte er rückblickend in vier Phasen ein: die Phase des kommunikativen Beschweigens (1940er und 1950er Jahre), in der die Zeit des "Dritten  Reiches" weitgehend verdrängt wurde; die Phase der intensiven Kritik (1960er Jahre), in welcher die nationalsozialistische Vergangenheit angefangen wurde aufgearbeitet zu werden; die Phase des soziokulturellen Wandels (1970er Jahre) sowie die abschließende Phase der intensivierten Debatten während der Amtszeit Helmut Kohls (1980er Jahre).

26 04 2016Anna Warakomska von der Universität Warschau befasste sich in ihrem Vortrag mit dem Bild der Volksrepublik Polen im kollektiven Gedächtnis der III. Polnischen Republik - von 1989 bis heute. Einerseits dominiere in der öffentlichen Meinung die Ansicht, dass die Epoche der Volksrepublik (1944-1989) aufgrund der geopolitischen Lage Polens ein Zeitalter der Unterdrückung gewesen sei, anderseits könne das realsozialistische Polen auch Erfolge nachweisen, wie z.B. den schnellen und effizienten Wiederaufbau nach dem Krieg und einen zivilisatorischen Aufstieg des ganzen Landes.

Im anschließenden Referat stellte Joanna Andrychowicz-Skrzeba, wissenschaftliche Mitarbeiterin der26 04 2016 FES in Warschau, die Grundzüge der Geschichtspolitik der aktuellen polnischen Regierung der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) vor. Dabei wies sie darauf hin, dass die Regierung eine sehr konkrete und in sich stimmige nationalkonservative Vision der Geschichtspolitik habe, die sie aufgrund der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse und der Tatsache, dass der Staatspräsident ebenfalls der PiS angehörte, konsequent forcieren könne. Zum jetzigen Zeitpunkt offenbare sich die geschichtspolitische Wende u.a. in der Entstehung der geschichstpolitischen Sektion beim Nationalen Wachstumsrat (Expertengremium des Staatspräsidenten) und der Verabschiedung eines Gesetzes, welches die Kommunen verpflichtet, Straßen und öffentliche Räume mit kommunistischen Namenspatronen umzubenennen. Zu den neuen Geschichtsmythen, die nun eine besondere Stellung erhalten sollen, zählen die Flugkatastrophe von Smoleñsk und die Geschichte der antikommunistischen Widerstandskämpfer in den ersten Nachkriegsjahren.

26 04 2016Der zweite Beitrag von Manuel Becker setze sich mit der Frage auseinander, ob es in Deutschland eine einheitliche Geschichtspolitik gebe. Dies verneinte der Referent mit dem Hinweis, dass in der Berliner Republik bzw. dem wiedervereinigten Deutschland man vielmehr eine gewisse Vernachlässigung der Geschichtspolitik seitens des Staates erkennen könne, was man an dem nur langsamen Voranschreiten von großen geschichtspolitischen Bauprojekten, wie z.B. dem Berliner Humboldtforum oder dem Zentrum gegen Vertreibungen, oder gar an ihren Verzicht, wie im Falle des Einheits- und Freiheitsdenkmals, erkennen könne. Obwohl die Erinnerung an die nationalsozialistische Vergangenheit immer noch der empfindlichste Punkt der deutschen Geschichtspolitik sei, sei sie im Gegensatz zur Bonner Republik nicht mehr ihr einziger Bezugspunkt, was unter anderem an der hinzugekommenen Aufarbeitung der SED-Diktatur liege.

In der zweiten Sitzung befassten sich die Expert_innen mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten des26 04 2016 Geschichtsunterrichts in Polen und Deutschland. Joanna Wojdon von der Universität Breslau stellte fest, dass in polnischen Schulbüchern Vorgaben der deutsch-polnischen Schulbuchkommission aus den 1970er Jahren mittlerweile eingehalten werden. Sie erläuterte die Eigentümlichkeiten der polnischen Geschichtsdidaktik, deren Hauptprobleme darin bestünden, dass die Lehrkräfte sich zum einem zu sehr an Schulbüchern orientieren, zum anderen ihnen nicht genügend Zeit zur Verfügung stehe, um mit ihren Schüler_innen Themen der Zeitgeschichte zu behandeln.

Thomas Strobel vom  Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Braunschweig 26 04 2016schilderte die Geschichte der deutsch-polnischen Schulbuchkommission, die 1972 unter der Schirmherrschaft der UNESCO entstand und vier Jahre später ihre ersten Empfehlungen aussprach. Sie seien in den 1980er Jahren nur punktuell umgesetzt worden. Heute setze die Kommission bei der Entstehung von Lehrplänen Akzente und unterstütze das Projekt eines gemeinsamen deutsch-polnischen Geschichtsbuches. Seit 2012 arbeiteten zwei Autorentandems unter den wissenschaftlichen Auspizien eines Expertenrats an vier Bänden, die für den Geschichtsunterricht in der Mittel- und Oberstufe bestimmt sind. In der Diskussion, die den Beiträgen folgte, erörterte man die Frage, was zu tun sei, damit das deutsch-polnische Schulbuch nicht das Schicksal des deutsch-französischen Schulbuches teilen werde, welches sich im Unterricht nicht durchgesetzt habe.

Der dritte Teil der Tagung war der Geschichtswahrnehmung in beiden Gesellschaften gewidmet. In26 04 2016 seinem Vortrag befasste sich Krzysztof Malicki von der Universität Rzeszów mit der Frage, ob junge Polinnen und Polen offen für die Geschichtspolitik der aktuellen Regierung seien. Er kam zu dem Schluss, dass die jungen Leute zwar kein fundiertes Faktenwissen vorweisen können, aber sich durchaus für Geschichte interessieren. Einen großen Beitrag zur Popularisierung von historischen Ereignissen leisten Filme oder Fernsehserien (z.B. "Warschau 44"). Stefan 26 04 2016Garsztecki, Professor an der Technischen Universität Chemnitz, konstatierte, dass auch in Deutschland das Geschichtsbewusstsein im engen Zusammenhang mit Geschichtspolitik stehe. Zentrale Themen in der deutschen Erinnerungspolitik seien der Holocaust, der II. Weltkrieg und die DDR. Seit 1989 würden in der Bundesrepublik nicht nur eine Vielzahl von Museen und Gedenkstätten eröffnet, sondern auch geschichtsbezogene Filme gedreht, die sich großer Beliebtheit erfreuten und auf breite gesellschaftliche Resonanz stießen (z.B. die Serie "Unsere Mütter, unsere Väter"oder der Spielfilm "Der Staat gegen Fritz Bauer"). Besonderheiten der deutschen Erinnerungspolitik seien die starken Ost-West-Unterscheide in der Geschichtswahrnehmung sowie die Frage, wie man Migrant_innen bzw. Deutsche mit Migrationshintergrund in diese mit einbeziehen könnte. 

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