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Debatte über den Bericht "Amazon auf Polnisch "

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Amazon - Zwischen Gewinn und Ausbeutung

Warschau. Anlässlich der Veröffentlichung der von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und dem Institut für Öffentliche Angelegenheiten (ISP) herausgegebenen Studie "Amazon auf Polnisch. Arbeitsbedingungen und Arbeitsbeziehungen" debattierten am 29. November fünf Panelist_innen unter der Moderation von Dominik Owczarek (ISP und Co-Autor der Studie) über die Auswirkungen transnational agierender Unternehmen wie Amazon auf Polen und Europa. Gemeinsam mit Dr. Adam Leszczyñski (Historiker und Publizist bei Gazeta Wyborcza) und Prof. Joanna Tyrowicz (Fakultät für Ökonomie UW, Polnische Nationalbank und Rimini Center for Economic Analysis) nahmen an der Diskussion drei Gewerkschaftsvertreter_innen aus Polen und Deutschland teil: Agnieszka Mróz (Betriebskommission Inicjatywa Pracownicza - Amazon Poznañ), Kacper Stachowski (Leiter der Organizing-Abteilung der Nationalen Kommission von NSZZ "Solidarno¶æ") und Thomas Voß (Bundesfachgruppensekretär für Versand- und Onlinehandel von ver.di).

29 11 2016

Die "goldenen Mitte" gelte es zu finden, wie Prof. Beata £aciak (Vorstandsmitglied von ISP) in ihrer Einführung deutlich machte. Wirtschaftliche Entwicklungen wie im Falle Amazons verursachten durchaus Probleme, dennoch lehne sie "eine Ideologie vom bösen Investor_in" ab. Polen sei schließlich langfristig auf ausländische Investor_innen angewiesen. Angesichts der Eröffnung mehrerer Amazon-Logistikzentren in Polen im Jahr 2014, bekräftigte Roland Feicht (Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Polen) die Notwendigkeit einer "grenzüberschreitenden gewerkschaftlichen Solidarität als Antwort auf grenzüberschreitend agierende Unternehmen".

29 11 2016Agata Che³stowska (ISP und Co-Autorin der Studie) präsentierte zunächst zusammenfassend die Ergebnisse der Amazon-Studie. Die Analyse des globalen Geschäftsmodells und der Amazon-Logistikzentren in Polen offenbarten eine minutiöse und technologische Kontrolle der Mitarbeiter_innen, strapaziöse Arbeitsbedingungen, Arbeitsrechtsverletzungen sowie die Weigerung Amazons, einen Sozialen Dialog mit den Gewerkschaften zu führen.

 

29 11 2016Hieran anknüpfend fragte Dominik Owczarek nach den Einschätzungen der Gewerkschafter_innen hinsichtlich der Arbeitsbedingungen bei Amazon. Agnieszka Mróz berichtete als Angestellte und Mitglied der Betriebskommission Amazons in erster Linie von Kontrolle, Leistungsdruck, atomisierter Arbeitsorganisation und einem "Arbeitsmodell monotoner Tätigkeiten". Anschließend betonte Kacper Stachowski die Vielzahl von Arbeitsunfällen, die niedrige Entlohnung, die erst auf gewerkschaftlichen Druck leicht gestiegen sei, sowie die belastende Schichtarbeit, die eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf stark einschränke. Zuletzt blickte Thomas Voß auf die grenzüberschreitenden Arbeitsbedingungen Amazons. Dessen Geschäftsmodell stütze sich auf eine minimale Entlohnung und verwehre seinen Mitarbeiter_innen so eine existenzsichernde Rente. Es sei anzunehmen, dass Amazon eine "hohe Beschäftigung als Durchlaufmodell" nutze bis Maschinen die menschliche Arbeit ersetzen können.

Aus einem ökonomischen Blickwinkel beurteilte Prof. Joanna Tyrowicz im Anschluss die langfristigen Folgen ausländischer Investitionen auf die polnische Wirtschaft. Dabei kritisierte sie zunächst das veraltete Arbeitsrecht Polens, dessen vollständige Beachtung für Arbeitgeber_innen und -nehmende quasi unmöglich sei. Auch warnte sie vor einer kopflosen Forderung nach Lohnerhöhung. Arbeitskosten und Produktivität müssen sich parallel entwickeln, um die polnische Wettbewerbsfähigkeit zu gewährleisten. Ausländische Investor_innen schufen gerade in Polen aufgrund niedriger Arbeitskosten eine bedeutende Anzahl von Arbeitsplätzen. Ein "Spillover-Effekt" sorge zudem dafür, dass sich - angetrieben durch internationale Konzerne - auch lokale Unternehmen modernisierten.

Kritischer bewertete Dr. Adam Leszczyñski die Auswirkungen auf Polens Volkswirtschaft. Historisch sei das Land immer eine Peripheriewirtschaft gewesen, in die die Modernisierung Westeuropas kaum vorgedrungen sei. Grundpfeiler der polnischen Wettbewerbsfähigkeit seien neben dem Rohstoff- und Lebensmittelexport noch immer ungemein niedrige Arbeitskosten. Insofern habe sich in Polen ein "Inselkapitalismus" entwickelt, eine weitgehend anachronistische Wirtschaft mit nur wenigen ökonomisch modernisierten Gebieten. Dieses Problem verschärfe sich durch eine Politik, in der niedrige Arbeitsstandards nach wie vor als essenzieller Wettbewerbsfaktor gelten.

29 11 2016Auf die Frage Owczareks nach konkreten Strategien im Arbeitskampf mit Amazon, erläuterte Stachowski die von Uni Global Union initiierten Amazon-Kampagne. Mithilfe von Medienarbeit, Mitarbeiterschulungen und der Zusammenarbeit mit öffentlichen Institutionen wie der Arbeitsaufsichtsbehörde sollen in erster Linie die Angestellten vor Ort unterstützt werden. Mróz wies ihrerseits auf die grundlegende Schwierigkeit hin, genügend Mitarbeiter_innen zu einem gewerkschaftlichen Engagement zu bewegen. Amazon sei in der strukturschwachen Region aus Sicht vieler Angestellter ein attraktiver Arbeitgeber, zudem versuche das Unternehmen gezielt solidarische Zusammenschlüsse innerhalb der Belegschaft zu unterbinden. Dass sich eine gewerkschaftliche Arbeit dennoch lohne, zeigt hingegen das Beispiel Deutschlands. Dort haben Amazon-Angestellte erste Verbesserungen bereits bewirkt, dies könne als Mutmacher für Polen dienen, betonte Voß. Einig waren sich die Gewerkschaftsvertreter_innen darin, dass in erster Linie internationale Kooperationen Druck auf Amazon ausüben können. Um zu verhindern, dass Amazon Arbeitsausfälle in einem Land durch Logistikzentren in Nachbarstaaten kompensieren könne und Streiks dadurch ins Leere liefen, sei eine gewerkschaftliche Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg unentbehrlich.

29 11 2016Insbesondere Tyrowiczs Aussagen zur polnischen Lohnpolitik waren anschließend Gegenstand einer kontroversen Diskussion zwischen Teilnehmenden und Panelist_innen. In diesem Zusammenhang mahnte Tyrowicz, ökomische Grundsätze trotz aller Kritik nicht zu ignorieren. Nur so könne die erwähnte "goldene Mitte" gefunden werden. Dass dies bisher vor allem an der Gesprächsresistenz Amazons scheitere, gaben hingegen Voß, Stachowski und Mróz zu bedenken. Es brauche nun internationale Solidarität der Gewerkschaften und einen konstruktiven Dialog zwischen Arbeitnehmenden und dem Arbeitgeber - frei von Feindbildern -, um Reformen zu realisieren.

 

 

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